Andacht zum Mai 2024

Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist mir erlaubt, aber nichts soll Macht haben über mich.  (1. Korinther 6, 12)

Der Monatsvers enthält eine einfache christliche Ethik. Anders als in vielen anderen Religionen, wo durch ein starres Regelsystem klar definiert wird, was zu tun oder zu lassen sei, wird hier an der Selbstverantwortung des Einzelnen appelliert. Das macht es einerseits einfacher, aber andererseits auch komplizierter. Wenn mir nicht ständig jemand sagt oder vorschreibt, was richtig und was falsch ist, braucht es ein hohes Maß an Mündigkeit und Entscheidungskompetenz. Also mahnt Paulus einerseits in Abgrenzung zur jüdischen Gesetzlichkeit: „Lasst euch von niemandem Satzungen auferlegen oder ein schlechtes Gewissen machen!“ (Kol 2,16,21) – doch andererseits wirbt er dafür, Maß und Mitte zu bewahren. Hilfreiche Leitfragen könnten z.B. sein: Welche destruktiven Lebensweisen oder Gewohnheiten bestimmen mich, halten gefangen? Welcher Konsum tut weder der Seele noch der Leiblichkeit gut?

Eines der größten Freiheiten besteht darin, auch mal „Nein“ zu sagen. Wer nur fremdbestimmt lebt, bleibt gefangen. Deswegen sagte Martin Luther: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“ Will sagen: Meine von Christus gewährte Freiheit führt zur Hingabe und zum Dienst am Nächsten. In dieser Haltung handelt der Christ nicht stupide aus unfreier Menschenfurcht, sondern bewusst in freiheitlicher Ehrfurcht vor Gott. Jetzt könnte jemand fragen: „Ja, aber was konkret dient denn zum Guten?“ Nun, was dem Guten dient, dient auch dem Frieden untereinander. Gut ist, was über den Eigennutz hinausgeht und dankbar geteilt wird. „Das Gute – dieser Satz steht fest – ist stets das Böse, was man lässt.“

Interessant: Der Monatsvers wird im 1. Korintherbrief ein zweites Mal wiederholt, leicht modifiziert: „Alles ist erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist erlaubt, aber nicht alles baut auf. Niemand suche das Seine, sondern was dem andern dient.“ (1. Kor 10,23-24). In diesem Kontext geht es um die Frage des Gewissens und der Rücksichtnahme. Und es geht um die Beobachtung, dass zwei gläubige Christen zu völlig unterschiedlichen ethischen Entscheidungen kommen können. Wichtig: Die eigene Freiheit braucht sich nicht vom schlechten Gewissen des anderen abhängig machen (vgl.1.Kor 10,29). Doch weil ein Christ stets aus der Freiheit heraus handeln und entscheiden darf, bleibt er in der Verantwortung, eine situationsbedingte Ethik zu leben; also ein dem Kontext angemessenen Verhalten. Auch hier werden die Leitfragen des Monatsverses zur Entscheidungsorientierung: Was dient dem Guten? Was hilft in der konkreten Situation tatsächlich weiter? Wo bleibe ich selbstbestimmt?

Freiheit und Selbstbestimmung gehören zu unseren wichtigsten gesellschaftlichen Werten. Aber Freiheit existiert nicht absolut. Freiheit ist nie ohne Verantwortung lebbar, weil Freiheit nicht grenzenlos ist. „Die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die Freiheit des anderen beginnt“, hat der Philosoph Immanuel Kant einmal gesagt. Und der Dichter Matthias Claudius formuliert es so: „Die Freiheit besteht darin, dass man alles das tun kann, was einem anderen nicht schadet.“

Maik Berghaus

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